Lange Zeit galt in der Medizin: Eine Behandlung passt für alle. Doch heute wissen wir, dass Frauen und Männer unterschiedlich auf Medikamente reagieren und Krankheiten oft anders verlaufen. Trotzdem orientieren sich viele Therapien noch immer am „Durchschnittsmann“ – mit Folgen, die besonders Frauen betreffen können. Warum das so ist und was sich ändern muss, erklärt die Schmerztherapeutin und Fachärztin für Allgemeinmedizin und Familienmedizin Dr. Elisabeth Sackl-Pietsch im folgenden Beitrag.

Medizin nach Männermaß – mit Folgen bis heute

Die moderne Medizin hat lange Zeit vor allem den männlichen Körper als Maßstab genommen. Frauen wurden über viele Jahrzehnte in Forschung und Studien kaum berücksichtigt – unter anderem, weil hormonelle Schwankungen oder Schwangerschaft als „Störfaktor“ galten. Erst seit den 1990er-Jahren werden Frauen vermehrt einbezogen.

Die Folge: Viele medizinische Erkenntnisse und Behandlungsleitlinien basieren bis heute überwiegend auf männlichen Daten. Dies kann teils folgenschwere Auswirkungen auf Diagnosen, Therapien und die Gesundheit haben. Denn mittlerweile weiß man: Krankheiten können sich bei Frauen und Männern ungleich äußern, unterschiedlich häufig auftreten oder auf ein Geschlecht beschränkt sein.

Blinde Flecken in der Forschung

Folgend eine Übersicht über medizinische Bereiche, in denen geschlechtsspezifische Unterschiede noch unzureichend berücksichtigt werden, und die Folgen für Frauen.

Erkrankung/ Diagnose

Problem durch Forschungslücken

Folgen

Herzinfarkt Frauen haben oft andere Symptome als Männer: Symptome bei Frauen (Übelkeit, Müdigkeit, Rückenschmerzen) sind abweichend von „männlichem“ Brustdruck Fehldiagnose doppelt so häufig; 20–32% höhere Sterberate bei Frauen[1]
Autoimmunerkrankungen (z.B. Multiple Sklerose) Frauen sind 4–10x häufiger betroffen, aber die Forschung konzentriert sich mehr auf Männer Diagnosen kommen später, (bis 4 Jahre), Frauen bekommen nicht immer die passende Behandlung[1]
Chronische Schmerzen Frauen verarbeiten Schmerz anders, hormonell und genetisch. Leitlinien berücksichtigen das oft nicht Schmerzen werden häufig als „psychisch bedingt“ falsch eingeschätzt, Therapie unzureichend[1]
Diabetes Typ 2 Frauen erkranken oft später, z.B. nach den Wechseljahren, Stoffwechsel und Fettverteilung unterscheiden sich Behandlung ist weniger angepasst, Risiko für Komplikationen steigt[1]
Knie-/Orthopädie Implantate und Prothesen sind meist auf männliche Körper abgestimmt Operationsergebnisse schlechter, Reoperationen häufiger nötig[2]

Würde man beide Geschlechter gleich berücksichtigen, wäre eine schnellere und korrektere Diagnose möglich. Das Risiko für Fehldiagnosen würde sinken und ein effizienter Heilungserfolg wäre gewährleistet.

Als wäre das nicht genug: Wenn Vorurteile und Rollenbilder bei der Behandlung mitentscheiden

Nicht nur aufgrund der körperlichen Unterschiede sind Frauen in der medizinischen Behandlung häufig benachteiligt. Auch Erfahrungen, Erwartungen und gesellschaftliche Rollenbilder beeinflussen, wie Beschwerden wahrgenommen und bewertet werden. So kommt es immer noch vor, dass Frauen mit ihren Symptomen weniger ernst genommen oder schneller als „emotional“ eingestuft werden, während Männer eher als belastbar gelten.

„Frauen gelten als „schmerzempfindlicher“ oder „emotionaler“, Männer als „robust“ – das beeinflusst, wie Ärzt:innen Beschwerden deuten.“

Solche unbewussten Denkmuster führen dazu, dass gleiche Beschwerden unterschiedlich beurteilt und behandelt werden – was wiederum ebenso Auswirkungen auf Diagnose, Therapie und damit auch die Gesundheit haben kann.

Geschlechtssensible Medizin als Lösung

Hier kommt die Gendermedizin ins Spiel: Sie berücksichtigt die spezifischen Unterschiede von Frauen und Männern. Der Mensch in seiner Individualität steht dabei im Mittelpunkt. Neben biologischen Unterschieden wird auch das soziale Geschlecht – also Lebensrealität, Rollenbilder und Alltag – mitgedacht. So entsteht ein neues Verständnis von Gesundheit: persönlicher, gerechter und besser auf den einzelnen Menschen abgestimmt.

Exkurs in die Schmerzmedizin mit Dr. Elisabeth Sackl-Pietsch

Exkurs: Schmerzen – ein Bereich, in dem Unterschiede besonders deutlich werden.

Als Schmerztherapeutin möchte ich diesen Raum nutzen, um noch auf die Relevanz einer umfassenden, geschlechterspezifischen Behandlung von Schmerzen aufmerksam zu machen. Denn ich erlebe es sehr häufig, dass Schmerzen bei Frauen in der Praxis oftmals unterschätzt oder falsch behandelt werden.

Medikamente wirken nicht bei allen Menschen gleich: Frauen bauen bestimmte Wirkstoffe schneller oder langsamer ab. Manche Medikamente entfalten ihre Wirkung bei Frauen stärker, andere schwächer. Besonders deutlich zeigt sich das bei Schmerzmitteln. Hier kann die richtige Dosierung entscheidend dafür sein, ob Schmerzen wirksam gelindert werden.

Schmerz ist ein komplexes Phänomen, das individuell unterschiedlich wahrgenommen und verarbeitet wird. Folgend ein paar spannende Fakten:

  • Frauen haben häufiger und intensivere Schmerzen: 45 % der Frauen sind chronisch betroffen, bei den Männern sind es 31 %. Außerdem haben Frauen eine niedrigere Schmerzschwelle, trotz dieser Fakten werden ihre Beschwerden oft unterschätzt.
  • 56% der Frauen fühlen sich ignoriert: sie bekommen seltener Schmerzmittel (z. B. 7% weniger bei Bauchschmerzen).
  • Männern schreibt man eine höhere Toleranz zu: ihre Schmerzen werden eher wahrgenommen und schneller diagnostisch abgeklärt und therapiert.[3]

Schmerz aus allen Blickwinkeln betrachten

Schmerz ist ein vielschichtiges Phänomen, das durch das Zusammenspiel biologischer, psychologischer und sozialer Faktoren geprägt wird – und genau hier zeigen sich auch geschlechtsspezifische Unterschiede, die für Frauen mit Nachteilen verbunden sein können.

Biopsychosoziales Schmerzmodell

Auf biologischer Ebene beeinflussen unter anderem Hormone, das Immunsystem und die Schmerzverarbeitung im Nervensystem, wie Schmerzen entstehen und wahrgenommen werden. Da viele medizinische Studien und Dosierungsempfehlungen lange Zeit vorwiegend auf männlichen Körpern basierten, werden diese Unterschiede bei Frauen nicht immer ausreichend berücksichtigt. Das kann dazu führen, dass Medikamente weniger passend dosiert sind oder Symptome nicht korrekt eingeordnet werden.

Auch psychologische Faktoren spielen eine wichtige Rolle. Gedanken, Emotionen und individuelle Bewältigungsstrategien beeinflussen das Schmerzerleben erheblich. Wenn Frauen ihre Schmerzen stärker emotional ausdrücken oder belasteter wirken, besteht die Gefahr, dass Beschwerden vorschnell als psychisch bedingt interpretiert werden. Dadurch werden körperliche Ursachen mitunter später erkannt oder weniger konsequent behandelt.

Erwartungen und alltägliche Anforderungen können beeinflussen, wie Schmerzen wahrgenommen werden. Frauen übernehmen häufig zusätzliche Sorge- und Fürsorgeaufgaben sowie die gedankliche Verantwortung für Planung und Organisation, was das Schmerzempfinden verstärken kann.

Zusätzlich wirken soziale Faktoren auf das Schmerzgeschehen ein. Rollenbilder, Erwartungen und alltägliche Anforderungen prägen, wie Schmerzen wahrgenommen und kommuniziert werden. Frauen übernehmen häufig einen großen Anteil an Sorge- und Organisationsaufgaben, was die Belastung im Alltag erhöht und Schmerzen verstärken kann. Gleichzeitig besteht das Risiko, dass ihre Beschwerden im medizinischen Kontext weniger ernst genommen werden, was sich wiederum negativ auf Diagnostik und Therapie auswirken.

Was Sie selbst tun können: 5 Praktische Tipps für eine gerechtere Behandlung

Es stellt sich die Frage, wie mit diesen Unterschieden im medizinischen Alltag konkret umgegangen werden kann. Im folgenden Abschnitt finden Sie daher einige praktische Tipps, die Ihnen dabei helfen können, Ihre Behandlung bewusster mitzugestalten und zu einer gerechteren medizinischen Versorgung beizutragen.

  1. Dokumentieren Sie Symptome: Wann? Wie stark (0–10)? Auslöser? Eventuelle Schriftliche Unterlagen mitbringen.
  2. Klare Kommunikation: Statt „Mir geht’s nicht gut“ besser: „Seit 3 Wochen Brustdruck, Ausstrahlung in den Arm, Kraftverlust.
  3. Nachfragen: Welche Ursachen wurden ausgeschlossen? Gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede?
  4. Zweitmeinung: Bei Unsicherheiten Facharzt oder Spezialambulanz aufsuchen.
  5. Informieren: Portale wie Gendermedizin-Zentren zur Orientierung nutzen.

Fazit

Ein bewussterer Umgang mit geschlechtsspezifischen Unterschieden in der Medizin ist ein wichtiger Schritt hin zu einer gerechteren und individuelleren Gesundheitsversorgung. Denn Beschwerden dürfen nicht aufgrund veralteter Rollenbilder, fehlender Forschungsdaten oder pauschaler Annahmen unterschiedlich bewertet werden.

Gerade in der Schmerzmedizin zeigt sich, wie entscheidend es ist, den Menschen in seiner gesamten Lebensrealität zu betrachten und biologische, psychologische sowie soziale Faktoren gleichermaßen in Diagnostik und Therapie einzubeziehen. Das schafft die Grundlage für präzisere Diagnosen, wirksamere Therapien und mehr medizinische Chancengleichheit. Meine abschließende Botschaft an Sie: Bewusstsein schafft Veränderung. Sprechen Sie an, was Sie spüren – Ihre Gesundheit zählt gleichermaßen!

Quellen und Studien

[1] christinelohr. Stand 02. Februar 2026.

[2] Frauen.wu. Stand 02. Februar 2026.

[3] FOAMio. (2025). GenderEMed – Gender Pain Gap. Download vom 15. Februar 2026, von [Quelle]